75-Jahr-Jubiläum: Ansprache von Kirchenhistoriker Markus Ries

Seelsorger Andreas Kunz, Franco Luzzatto, Markus Ries (von links nach rechts) | © Francesco Papagni

Von der Konfessionellen Konkurrenz zum richtigen Mass

Die Zürcher Pfarrei Felix und Regula feiert ihr Jubiläum mit einer ganzen Reihe von Anlässen. Kürzlich hielt der Kirchenhistoriker Professor Markus Ries eine Ansprache im Rahmen eines Festgottesdienstes. Er sprach von der Heiligenverehrung im Mittelalter und im Barock, zog daraus aber auch eine Lehre für die Gegenwart. Der Konflikt, der vor Jahren die Pfarrei belastete, ist beigelegt.

Francesco Papagni

Die Pfarrei St. Felix und Regula Zürich wurde 1950 im Arbeiterquartier Aussersihl-Hard gegründet. Nun feiert sie ihr 75-jähriges Bestehen mit einer ganzen Reihe von Veranstaltungen. Begonnen haben diese schon am 11. September des vergangenen Jahres, am Gedenktag der Stadtheiligen.

Kleine Zeitreise
Das Jubiläum steht unter dem der allgemeinen Verzagtheit trotzenden Motto «Ich habe Pläne für dich, die voller Zukunft und Hoffnung sind» (Jeremia 29,11). Dass in der Festmesse ein Kind getauft wurde, liess das Motto anschaulich werden.

Ikone mit Felix und Regula in der serbisch-orthodoxen Kirche «Maria Himmelfahrt». © Christian Merz

Der emeritierte Professor für Kirchengeschichte Markus Ries nahm die Gläubigen in seiner Ansprache mit auf eine kleine Zeitreise, indem er drei Fenster auf die Felix- und Regula-Verehrung zwischen Spätmittelalter und früher Neuzeit öffnete. Der wunderbare Cantalbis-Chor unter der Leitung von Francisco Santos trug das Seinige zum Gelingen des Festes bei.

Ein religiöses Fest und ein Volksfest
1474 macht ein Pilger aus Halle an der Saale auf seinem Weg in die Provence in Zürich Station. Sein Tagebuch stellt eine erstklassige Quelle für das damalige Stadtleben dar. Er erlebt an Pfingstmontag, wie Zürich nach Einsiedeln pilgert, mindestens eine Person aus jeder Familie.

Am Mittwoch darauf zwei Prozessionen, die sich auf dem Lindenhof treffen. Die im Grossmünster aufbewahrten Reliquien der Stadtheiligen werden öffentlich gezeigt. Es ist ein religiöses Fest und ein Volksfest zugleich. Fünfzig Jahre später hat die Reformation Einzug gehalten. Zwingli schafft den Festtag am 11. September nicht ab, die Prozessionen und der Reliquienkult werden aber unterdrückt.

Nach wie vor sind die Stadtheiligen auf dem Siegel der Stadt und auf den Münzen zu sehen. Die Erinnerung soll aber intellektuell, nicht emotional geschehen. Später wurde an diesem Tag das Knabenschiessen etabliert, eine ursprünglich vormilitärische Übung, die heute nach dem Sechseläuten das zweite Zürcher Fest im Jahr ist.

Luzern kontra Zürich
Ein weiterer Zeitsprung: 1651 lässt der Kapuzinerpater Ludwig von Wyl im Wallfahrtsort Hergiswald bei Luzern eine Seitenkapelle anbauen. Aus Rom kommen die Reliquien eines namenlosen Heiligen an, der von Wyl Felix nennen wird – dies ganz bewusst, denn damit beginnt eine «innereidgenössische Konkurrenz»: Wir sind im Zeitalter des Barock,  namentlich die katholische Seite liebt und fördert das Schauspiel.

Kirchenfenster in der Zürcher Kirche St. Felix und Regula. (Screenshot)

Hergiswald wird zum Zentrum einer Festkultur, wo grosse Aufführungen stattfinden. Der Schulthess von Luzern selbst spielt im barocken geistlichen Theater die Hauptrolle und verkörpert den heiligen Felix. Wunderheilungen folgen, eine Liste dieser Heilungen wird gedruckt.

Konsequenzen für heute
Das Ganze hat auch eine religionspolitische Seite: «Seht her, ihr Zürcher, so verehrt man richtig», lautet die Botschaft aus Hergiswald. Ries kommentiert: «Masslosigkeit in jeder Hinsicht». Mit Blick auf die Gegenwart mahnt der Kirchenhistoriker zum Masshalten und zu Bescheidenheit, auch was die Ansprüche und die Geltendmachung eigener Rechte angeht.  Er kenne viele, die diese Werte verkörpern im kirchlichen Dienst und auch als Freiwillige.

Ist sich Markus Ries bewusst, dass er damit eine Leitidee des Architekten Fritz Metzger aufnimmt? Der Erbauer der modernistischen Kirche entschied sich dafür, keinen auffälligen Bau hinzustellen. Es gelte, so Metzger, «das Mass zu wahren, innerhalb dem das Monumentale menschlich bleibt».

Neuer Aufschwung
Den Gottesdienst besuchten vor allem Ältere, während auf dem Kirchhof viele Jüngere und Familien warteten. Es handelte sich um Portugiesischsprachige, denn die portugiesische Mission hat in St. Felix und Regula ihr liturgisches Zentrum. Dafür reisen Menschen auch von ausserhalb der Stadt an.

Vor Jahren eskalierte ein Streit zwischen den Portugiesen und der Kirchgemeinde, was zum Abgang der damaligen Pfarreileiterin führte. Der jetzige Pfarrer Franco Luzzatto ist in Schwyz aufgewachsen, hat als Prorektor im Gymnasium St. Klemens Ebikon gewirkt und amtet auch als Dekan in Zürich. Dem Vernehmen nach ist es wesentlich ihm zuzuschreiben, dass der Konflikt beigelegt werden konnte.

Der Felix- und Regula-Kult hat in den letzten Jahren einen neuen Aufschwung genommen, weil die Orthodoxen die Heiligen ägyptischer Herkunft innig verehren und damit auch eine Brücke zu den Katholiken und zur lokalen Tradition schlagen.